Zum Frühstück trinke ich die Tränen der Nacht. Sie schmecken bitter, aber auch ziemlich süss.

Heute hast du mich geliebt, du hast mir die schönsten Dinge gesagt und mich so sanft berührt, dass es sich so gut angefühlt hat. Du hast alles, was du gedacht, getan oder gesagt hast, in deine Liebe für mich eingepackt. Ich habe alles ausgepackt und mich gefreut. Natürlich sehr gefreut.

Aber meine Traurigkeit ist auch dadurch nicht weggegangen.
Kaum warst du wieder weg, habe ich von neuem zu weinen begonnen.
Als du noch da warst, war das alles unterdrückt, aber nicht weg.

Jetzt sehe ich in die Sonne und sie blendet mich nicht mehr.
Ich versuche den Frühlingsduft zu riechen, rieche aber nichts.
Ich lege mich ins Grad und versuche, zu vergessen, vergesse aber nichts.
Ich reise im Zug, im Tram, im Bus, um Neues zu entdecken, entdecke aber nichts Neues, nur die alten bekannten Pfade.
Ich suche, finde aber nichts.
Ich suche dann nicht mehr, aber finde so schon gar nichts.
In der Nacht blicke ich hinauf zu den Sternen, sie sagen mir aber nichts.
Ich schaue den Mond an, der lacht aber nicht und bleibt ebenso stumm.
Die Vögel sagen nichts.
Der Hirsch sagt nichts.
Die Bäume seufzen nicht einmal.
Der Busch rauscht kein bisschen.
Der Wind säuselt keine Spur.
Und Regen gibt es nicht.
Heilung kommt nicht.
Erlösung nicht.
Befreiung? Eine Utopie.

Am Abend gehe ich zu Bett. Um Mitternacht wache ich auf und gehe nach Draussen. Dort steht jemand und nimmt mich mit. Ich weiss bis heute nicht, wo ich jetzt bin. Dieser jemand, oder ist es eine Frau, lässt mich weinen, so viel und so oft ich muss oder will.

Am Morgen stehe ich auf und weine.
Zum Mittag trinke ich alle Tränen des Morgens.
Am Nachmittag weine ich die Tränen des Nachmittags.
Am Abend trinke ich die Nachmittags-Tränen.
Wenn ich am Morgen aufwache, dann ist mein Kissen nass. Denn selbst während ich geschlafen habe, sind die Tränen meine Backen runtergekugelt und haben sich auf dem Kissen gesammelt.

Und ja, die Tränen, die von der Nacht an meinen Lippen hangen geblieben sind, schlecke ich am Morgen ab und koste sie mit meiner Zunge und meinem Gaumen.

Der nächste Tag beginnt.

Photo by Christian Sterk on Unsplash

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