Es sollte vorrangig immer um den Menschen gehen. Sollte.

In meiner Familie ist die Norm recht wichtig. Wenn ich ein Geldproblem hatte (habe), wird zuerst gefragt, warum, wie ist es soweit gekommen. Ja, du kannst Geld haben, aber nur, wenn du eine Budgetberatung machst. Tönt logisch und einleuchtend, oder? Aber es ist doch eine Norm der Gesellschaft, die zu diesem Denken führt und die Einhaltung von Werten der Gesellschaft höher gewichtet als den Menschen und die vorrangige Zuwendung gegenüber dem Menschen, dem Menschsein. Klar, für viele mag dieses Denken richtig sein, notwendig, was auch immer. Aber es ist ein Wert der westlichen Gesellschaft, dass das Einhalten des Budgets über dem Menschen eigentlich steht und schon fast selber eine Eigenständigkeit hat. Wenn mir jemand sagt, das ist halt so, oder wie würde es denn anders funktionieren, dann sage ich, nein, es MUSS nicht so sein, unser westliches Wirtschaftssystem und unsere Werte von Arbeit, Pflichtbewusstsein, Höflichkeit, Gutbürgertum, etc. sind überhaupt nicht als sakrosankt zu bezeichnen. Schon gar nicht sind sie gottgegeben und einfach per so richtig und unabdingbar.

Denn neben einer offenbar wachsenden Wirtschaft und einem grossen Wohlstand gibt es soviele Menschen, die psychisch krank werden (chronisch oder auch nur vorübergehend), dass man unsere Werte, die durch die Wirtschaft definiert werden, nicht einfach als unabdingbar bezeichnen kann. Denn der Mensch wird meines Erachtens einfach krank, wenn die Wirtschaft und ihre Werte über den Menschen gestellt werden. Wenn der Mensch nicht als ursprünglicher Mensch behandelt wird. Wann wird denn schon echt gefragt, was der Mensch eigentlich brauchen würde, dass es ihm gut geht, was diese Dinge wären? Sehr selten. Oder dann eben in der Therapie. Aber eigentlich sollten diese Fragen gesamtgesellschaftlich gestellt werden und nicht nur von Therapeuten, die dafür bezahlt werden.

Man kann sich schon fragen, wohin unsere westliche Gesellschaft hinsteuert, wenn der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern die Wirtschaft und die penible Einhaltung von Werten, die durch die Erfüllung von allerhand Pflichten definiert sind. Und da kann man sich auch fragen, ob sie eben sogar schon die Pflichten verwirtschaftet und von menschlichen echten Bedürfnissen wegbewegt.

So gesehen mag wohl die Einhaltung von gesellschaftlichen Normen in unserer Familie für die meisten oder für viele als normal gelten. Aber normal ist ja immer, was in einer Gesellschaft an Werten und Erwartungen vorherrscht. Und deshalb muss es ja nicht automatisch gut und richtig sein. So gesehen ist diese strenge Einhaltung von Normen (die an erster Stelle, vor dem Menschen kommt) bei weitem NICHT normal.

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