Er pfückte die letzte Erdbeere und von da an wusste er, dass er zu seiner Meinung stehen wollte.

Er war gerade dabei, die letzten Erdbeeren für den heutigen Tag zu pflücken. Dann wollte er nach Hause gehen, die Türe schliessen und einen Moment für sich alleine haben. Die Erdbeeren waschen, sie in kleine Stücke schneiden, etwas Sahne darüber machen, beides zusammen umrühren und dann zu einem leichten Smoothie Biss für Biss geniessen. Dann würde er an sie denken, die er später noch treffen würde, wenn er sich nochmals aus dem Haus machte, um den Abend mit ihr zu verbringen und bei ihr zu sein. Sie hatten abgemacht, dass ihre Beziehung nicht so eine normale Beziehung sein sollte, an die man sofort dachte, wenn man den Begriff Beziehung hörte. All die Assoziationen, die damit verbunden waren, wollten sie kritisch hinterfragen und nach neuen Formen suchen. Um den gebräuchlichen Assoziationen nicht einfach auf den Leim zu gehen. Sie versuchten, die bestehenden Formen von Beziehung mit anderen, neuen, ihren eigenen Formen zu ersetzen. Manchmal konnte man sich ja schon fragen, ob dieses Bestreben der beiden nicht schon fast der eigentliche Sinn ihrer Beziehung war. Zu beweisen, dass sie die althergebrachten Beziehungsformen in ihrer Beziehung austauschen konnten. Dass sie es konnten. Und alle sehen konnten, dass sie die Formen ausgetauscht hatten.

Er pfückte die letzte Erdbeere und von da an wusste er, dass er zu seiner Meinung stehen wollte. Also „stehen wollen“ ist irgendwie zu hart ausgedrückt. Er wollte nicht seine Meinung vertreten, um irgendwie Kraft oder Macht oder Durchsetzungsfähigkeit zu demonstrieren. Nein, er wollte dies tun, weil es für ihn mit freiheitlichen Gefühlen und mit dem Erleben von Echtheit und Befreiung verbunden war. So stellte er sich dies zumindest vor. Ah ja, es gab ihm ein gutes Gefühl. Genau. Und wer will denn nicht gute Gefühle haben? Er wollte also zu seiner Meinung „stehen“. Dies aber auf sanfte, einfühlsame und behutsame Weise tun. So dass es ihn mit den Menschen mehr zusammenschloss und er selber tiefer mit der Sanftheit und der Einfühlsamkeit verbunden wurde. Und bezüglich Umsetzung? Manchmal denkt man, dass der Gedanke, etwas umzusetzen, schöner ist, als die Umsetzung selber. Er dachte kurz darüber nach, kam aber zum Schluss, dass das wohl auch wieder so ein gedankliches Vorurteil ist, das einfach mal ein Gedanke ist, der aber überhaupt so nicht stimmen muss, er sich aber in der Tat erfüllt, wenn man ihn als wahr annimmt. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und anstatt die letzte gepflückte Erdbeere ins Körbchen zu den anderen hineinzulegen, ass er die Erdbeere und es bereitete ihm ziemlichen Genuss. Ja, Genuss war auch ein Stichwort, an das er sich halten wollte. Bei der sogenannten Umsetzung. Vielleicht könnte man es so ausdrücken: Genuss, Freiheit, Echtheit, Befreiung, Sanftheit, Einfühlsamkeit, Verbundenheit mit den Menschen und der Welt, Zusammenschluss mit sich selber und: Keine gedanklichen Vorurteile einfach per se als wahr betrachten. Er entfernte sich vom Erdbeerfeld. Und für ihn fühlte es sich so an, als dass der Tag jetzt nochmals richtig beginnen würde, obwohl es jetzt eigentlich schon Abend war. Und er vertraute jetzt mal auf dieses Gefühl.

Inspiration unter anderem: „Vater“ von Patent Ochsner.

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