Sie, also sie und er.

Sie blätterte in der Bibel. Sie hoffte auf eine Erkenntnis. Auf einen Vers, der jetzt gerade sie persönlich ansprechen würde. Aber nichts geschah. Die Bibel blieb stumm. Wie soviele Male zuvor. Wie eigentlich immer. Eine böse Bibel war es. Die sie nicht unterstützte in ihrem Sein und in dem, wer sie war. Die der Kirche gehörte. Die vielleicht Gott gehörte. Jesus, oder wem auch immer. Aber die so nichts mit ihr zu tun hatte. Ja, von Menschen wurde sie ja schliesslich geschrieben. Böse Worte sind in ihr enthalten. Worte der Verurteilung und der Verdammnis. Sie befand sich draussen im Wald. An dem Ort, den sie gelegentlich aufsuchte, um nach frischer Luft zu schnappen und ihren Gedanken nachzuhängen. Sie begann, Holz zu sammeln, schichtete es dann auf, um ein Feuer daraus zu machen. Als das Feuer brannte und es kräftig genug war, nahm sie genüsslich die Bibel in ihre Hand, rief ein lautes „Halleluja“ und „Endlich ist es vorbei“, zerriss die Bibel in kleinere Teile und warf dann die Teile ins Feuer. Das Feuer hatte zuerst Mühe, das Papier in Flammen zu setzen. Ja, ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, was alles an Schwerem und Indoktrinierendem da drin steht. Und Gott zu verbrennen ist ja auch nicht gerade leicht gemacht. Die Bibel brannte und verbrannte schliesslich. Dann war sie ganz verbrannt und sie selber wurde leicht und leichter. Endlich konnte sie aufbrechen in IHR Leben und vorwärts gehen. Daran war sie so lange Zeit gehindert worden.

Er hatte ihr schon längere Zeit zugeschaut, ohne sich bemerkbar gemacht zu haben. Jetzt näherte er sich ihr und fragte, was sie da gerade gemacht habe. Sie erklärte es ihm. Ja, endlich konnte sie sich wieder auf andere Menschen einlassen. Auch aufs andere Geschlecht. Sie konnte fühlen, andere und sich besser spüren. Das hatte sie gleich gemerkt nachdem die Bibel verbrannt war. Ach, was für ein wunderbares Gefühl. Konnte es sein, dass das Leben schön ist? Dass sie Erfüllung finden kann?

Sie und er gingen dann auf einen Spaziergang und landeten später bei ihr Zuhause. Es wurde dunkel, es wurde Nacht und die beiden liebten sich. Früher konnte sie sich nicht vorstellen, dass man geniessen kann. Dass man überhaupt geniessen darf. Und dass nicht alle Er’s schlechte und böse Menschen sind. Als sie, also sie und er, am Morgen aufwachten, fühlte sie sich wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Das Leben war schön. Und sie war bereit dafür. Sie war bereit für dieses Leben.

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