Bei mir wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert und ich scheisse drauf!

Hallo zusammen

Ich schreibe in diesem Artikel über mein diagnostiziertes Asperger-Syndrom und meine Gedanken dazu. Eigentlich beschäftige ich mich kaum aktiv damit, bin heute aber auf ein Interview mit einem Paar gestossen, von dem der Mann das Asperger-Syndrom hat. Das hat mich dazu gebracht, hier ein paar Gedanken zu meiner Diagnose zu machen.

Also zuerst: Grundsätzlich scheisse ich echt auf diese Diagnose, die mir vor einigen Jahren gestellt wurde. Zudem habe ich doch einige Bedenken an die Fachkompetenz und das Einfühlungsvermögen der damaligen Diagnosestellenden des Fachzentrums. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es gibt für mich zwei Möglichkeiten. Erstens: Die Diagnose war falsch. Zweitens: Die Diagnose war richtig. Für diesen Artikel nehme ich jetzt einmal an, dass die Diagnose richtig war oder das zumindest ein Asperger-Syndrom in abgeschwächter Form (falls es dies dann gibt) besteht. Wie gesagt, ich habe die Diagnose nie richtig akzeptiert und versuche ehrlich gesagt, mich mit Händen und Füssen dagegen zu wehren. Im folgenden nenne ich einige Gründe für dieses Wehren, die mir durch den Kopf gehen. Ein Grund: Ich will zur Gesellschaft und zur „Welt“ dazugehören. Das ist mir persönlich sehr wichtig. Probleme in der Kommunikation oder unsicheres Verhalten in sozialen Situationen erschweren das Knüpfen von Freundschaften. Zudem kann meine andere Wahrnehmung der Welt oder meine anderen Interessen nicht förderlich sein für soziale Kontakte. Es wird auch gesagt, dass Asperger Mühe haben, eine Beziehung und Partnerschaft einzugehen (oder jemanden zu finden). Und weil ich all die vorig genannten Dinge nicht missen möchte (Freundschaften, Partnerschaft, sich zur Gesellschaft dazugehörig fühlen), will ich mir nicht eingestehen, dass ich in einigen Dingen immer Mühe haben werde und möchte eigentlich mich auch einfühlen können in andere Menschen und mich besser zurecht finden in sozialen Situationen. Ein anderer Grund für mein Sträuben gegen die Asperger-Diagnose ist meine familiäre Situation, in der ich aufgewachsen bin. Zumindest ist das eine These von mir, die für mich eine gewisse Plausibilität hat. Nach meiner Einschätzung war mein Vater, vielleicht grad in sozialen Situationen, teilweise überfordert oder war nicht sehr interessiert an ausschweifenden Diskussionen. Bei gewissen Dingen, z.B. bei Themen zu meiner Sexualität, konnte er recht hart sein und wenig einfühlend. Manchmal fühlte ich mich nicht richtig ernstgenommen und in meiner Person abgewiesen. Es mag komisch klingen, aber die Asperger-Diagnose führt mich zurück in die Vergangenheit und erinnert mich an meinen Vater. Und das löst bei mir eine ablehnende Haltung gegenüber meinem Vater aus. Ich schäme mich irgendwie für meinen Vater, gleichzeitig finde ich mich selber in meinem Vater wieder und so lehne ich sozusagen auch mich ab. Ein doofes Gefühl. Als eigentlich einfach nur scheisse. Meine Eltern haben sich zu einem gewissen Grad zeitweise von der Aussenwelt abgekapselt und vieles an der Welt da draussen war schlecht aus ihrer Sicht. Sie waren quasi die moralisch richtige Instanz. So habe ich das jedenfalls wahrgenommen. Und so möchte ich nicht in der Welt leben. Ich möchte offen sein und das Gute im Menschen sehen. Und mich nicht als moralisch integrer als andere sehen. Und da spielt die Asperger-Diagnose eigentlich grad ziemlich in die andere Richtung. Denn Asperger zu sein, heisst ja gerade, sich zu einem gewissen Grad von den anderen abzugrenzen, sich nicht einfühlen zu können, andere Ansichten als blöd zu betrachten und seine eigene Ansicht überzubewerten. Eine weiterer Grund für mein Ablehnen der Asperger-Diagnose ist, dass ich darin eine Schwäche sehe. Etwas, das sich auch auf meine Wahrnehmung von mir persönlich auswirkt und mich (aus meiner Sicht gesehen) zu einem schwächeren, vielleicht naiveren, nicht normalen Menschen macht. Und klar kann sich das auch auf das Bild, dass ich von mir selber als Mann habe, negativ auswirken.

Wie lautet jetzt meine aktuelle Strategie? Aktuell bin ich vieles am Überdenken in meinem Leben. Und in diesem Prozess wird sich vielleicht auch die Sache mit der Asperger-Diagnose mehr aufklären. Ich versuche mich zu finden. Und dies mache ich aktiv und bewusst. Ich will für mich die Werte suche, hinter denen ich stehen kann und die mich überzeugen. Ich will Dinge ausprobieren. Z.B. habe ich vor, in eine andere Stadt zu ziehen. Zur Zeit fühle ich mich genug selbstsicher und hoffnungsvoll, dass ich dies selber schaffe. Ohne gross Leute dort zu kennen, keinen Bezugspunkt zu haben, die Stadt nicht zu kennen. Aber mein Drang nach Freiheit und nach Neuem ist gross. Und danach, neue Seiten von mir zu entdecken und selbstbewusster zu werden. Und von mir und meinen Ideen genug überzeugt zu sein, dass ich es durchziehe, auch wenn ich mich zuerst einmal alleine auf den Weg machen „muss“ oder darf. Ich bin auch dran, mein teilweise negatives Bild, das ich von anderen Menschen habe, zu überdenken und mich zu fragen, in was für Denkmustern ich „gefangen“ bin, die zu diesen negativen Gedanken über andere führen und wie ich diese Gedanken revidieren kann.

Also, ihr merkt, ich spreche nicht so gern über die Asperger-Diagnose, weil ich mich damit nicht identifizieren möchte und ich mich mit Dingen beschäftigen möchte, die mich weiterbringen und die mir Hoffnung geben und mich mit Sinn erfüllen.

Eine gute Zeit und bis bald.
Liebe Grüsse von
thoughts on life

2 Kommentare zu „Bei mir wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert und ich scheisse drauf!

  1. Hallo 😊
    Nachdem ich mich mal etwas mit Asperger beschäftigt habe, möchte ich gerne hier ein bisschen meinen Senf dazu abgeben….

    Diagnosen allgemein sind in erster Linie dazu da, um die Wahl der richtigen Therapie-Maßnahmen zu erleichtern.

    Außerdem ist Asperger durchaus ein Spektrum und keine 1/0-Funktion.
    Wo auf diesem Spektrum du dich also vielleicht befinden magst und was diese Diagnose nun genau über dich aussagen kann, ist absolut nicht fest definiert.

    Ich verstehe deine Abneigung gegen den Gedanken, mit einer Krankheit diagnostiziert zu werden, die im Grunde „unheilbar“ ist. Das fühlt sich dann schnell wie ein unüberwindbarer Berg an und das deprimiert.

    Manchen Menschen helfen Diagnosen, auch, um endlich zu verstehen, warum sie gewisse Probleme haben und um diese Probleme besser kommunizieren zu können. Mir zum Beispiel hilft es, sagen zu können „Ich bin hochsensibel. Mir wird es deshalb schnell zu viel und dann brauche ich einfach Ruhe. Mich einfach besser zusammen zu reißen wird nicht funktionieren. Egal, was ich mache. So ist das nun mal.“ Das kann unrealistische Erwartungen an mich selber senken und damit die Kommunikation erleichtern.
    Außerdem kann man in Kontakt zu anderen kommen, die die gleichen Probleme haben und sehen, dass man gar nicht so anders als alle anderen ist, wie man dachte.

    Aber: es geht hier um dich und was die Diagnose für dich bedeutet. Wenn sie dir Angst macht: Scheiss drauf! Schlicht und ergreifend. Ganz genau so, wie du schreibst! Die Diagnosen sollen helfen und nicht alles noch schlimmer machen!

    Bei vielen wird das nie diagnostiziert und sie kommen trotzdem gut durch’s Leben.
    Man kann Probleme auch unabhängig davon eines nach dem anderen angehen und schauen, wie weit man kommt und wenn man merkt, man stößt an Grenzen, lernen, sich so zu akzeptieren, wie man nun mal ist.

    Und wie du schon schreibst, kann es gut sein, dass die Diagnose auch einfach falsch ist!

    Damit ist mein Senf zu Ende 😉

    Alles Liebe und schöne Grüße!

    1. Hey! Vielen Dank für deinen ausführlichen Senf:-). Danke für deine Einschätzung. Mein Blog soll bewusst auch aufrütteln und bei der Leserin/beim Leser auch provozieren. Ich beschäftige mich momentan ein bisschen mit mir, darum komme ich auch auf so Artikel. Du hast mit dem, was du gesagt hast Recht und es ist wichtig, denke ich, die „Probleme“ zu erkennen und mit ihnen umzugehen oder sie zu lösen (unabhängig von einer Diagnose oder Nicht-Diagnose). Lieber Gruss

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