Gibt es etwas, wofür du sterben würdest?

Hallo zusammen

In diesem Beitrag geht es um die Frage, ob es für dich etwas gibt, wofür du bereit wärest zu sterben. Es ist also eine Frage an dich, die du dir mal stellen kannst, wenn du möchtest. Und ich erzähle kurz, wie ich auf diese Frage gekommen bin.

Ich lese gerade das Buch von Nadja Tolokonnikowa mit dem Titel „Anleitung für eine Revolution“, erschienen beim Hanser Verlag Berlin. Ihr Buch ist quasi ein Leitfaden für eine Revolution in ihren Worten und mit ihrer Geschichte. Tolokonnikowa wurde vor einigen Jahren bei einer Aktion der Punk-Band Pussy Riot in Russland verhaftet und zusammen mit einer weiteren Teilnehmerin für einige Zeit in ein Arbeitslager gebracht. Ich stelle mir beim Lesen die Frage, wie sie die Gefahr selber wohl einschätzte, ernste Konsequenzen an Leib und Leben mit ihren Aktionen davonzutragen. Und ich meine jetzt gerade nicht absehbare Konsequenzen, die Leib und Leben nicht unmittelbar berühren. Ich frage mich, ob sie und ihre Kolleginnen ihre Aktionen auch gemacht hätten, wenn sie davon ausgegangen wären, dass sie möglicherweise an Leib und Leben zu schaden kommen. Sprich, dass sie beispielsweise für ihre Aktionen mit dem Tod hätten bezahlen müssen. Dies scheint mir nicht ganz klar zu sein in ihrem Fall.

Jetzt zu einigen Möglichkeiten, die mir in den Sinn kommen, für die man allenfalls bereit sein könnte, zu sterben. Man könnte für die Demokratie sterben. Falls dieser „Wert“ einem so wichtig ist, dass man, wenn es notwendig wäre und sie verteidigen müsste, dies sogar mit dem Preis des Todes tun würde. Man könnte für die freie Meinungsäusserung sterben. Und weiteren westlichen, eigentlich von den meisten anerkannten „Errungenschaften“ und Werten. Man könnte für eine Religion sterben, wenn man diese nicht verleugnen möchte. Hier erinnere ich an den Film „Silence“ von Martin Scorsese. Man könnte für einen anderen Menschen sterben. Anstelle von ihm, um für ihn seine Strafe zu „übernehmen“. Also, wenn man davon ausgehen würde, dass dies mit dem heutigen Recht überhaupt möglich wäre. Als Beispiel siehe hier Jesus. Oder man könnte für jemanden sterben, weil man diese Person beschützen möchte oder es sogar eine berufliche Aufgabe ist. Siehe die Leibgarde, die Personen beschützt. Man könnte für viele weitere Ziele sterben. Oder man könnte sterben, um Rache zu üben an seinen Liebsten, damit man dann gewissermassen im Mittelpunkt steht, was man im Leben nach seiner Ansicht zu wenig gespürt hat. Man könnte sterben, um jemandem weh zu tun. Man kann „für den Krieg“ sterben, um sein Vater-oder Mutterland zu verteidigen. Man kann auch sagen, es braucht keinen Grund, um zu sterben. In diesem Fall wäre einem das Leben bedeutungslos und wertlos und man würde vielleicht einfach so aus einer Laune sich plötzlich umbringen. Man könnte sterben, um ein Organ z.B. seiner Liebsten oder seinem Kind zu spenden und für diesen Vorgang müsste man selber sterben. Es gäbe sicher noch viele andere Gründe, wofür man sterben könnte.

Was mir auffällt, ist, wie sehr wir versuchen, uns an unser Leben zu klammern. Und wie wir grundsätzlich zuerst an unser Leben denken und dann erst an die anderen und dann erst an die Gründe, wofür es sich möglicherweise „lohnen“ könnte, zu sterben. Aber warum hängen wir so sehr an unserem Leben? Das wäre eine weitere Frage, die man sich stellen könnte. Ich für mich persönlich möchte so mutig werden, dass ich sogar bereit wäre, für etwas zu sterben. Natürlich muss ich von diesem etwas extrem überzeugt sein und es als so hoch ansehen, dass es mir mein Leben oder dann eben meinen Tod wert ist. Ich bin momentan noch in einem Findungsprozess bei dieser Frage. Grundsätzlich denke ich, möchte man ja, dass wenn man für etwas stirbt, dass dies dann (wenigstens) auch in der Nachwelt etwas bewirkt. Vielleicht etwas auslöst oder etwas verändert. Geht man davon aus, dass es nichts verändern würde, wäre man dann immer noch bereit, zu sterben für diese Sache? Vielleicht, weil man gar nicht anders kann und seine Überzeugungen so oder so nicht verleugnen würde?

Es stellt sich noch die Frage, ob man den überhaupt sterben soll für etwas. Oder ob das Sterben für etwas vielleicht ein hehrer Gedanke ist, aber vielleicht auch ein lügenvoller Gedanke, der eine falsche Denkweise vorgaukelt. Man könnte auch sagen, es ist nie gut, für etwas oder für jemanden zu sterben. Weil man das nicht muss, weil man damit sein Leben „verschwendet“. Oder was wäre dann der Sinn, wenn man für etwas stirbt? Oder aus welchen Motiven würde man dies tun?

Ich bin mir nicht mehr so sicher, wie ich das früher noch war, dass es Dinge gibt, für die es sich absolut lohnt, zu sterben. Vielleicht kann man dies auch nicht eindeutig beantworten und es wäre letztendlich jedermanns freie Entscheidung (und beide Entscheidungen wären ok), ob man sich jetzt zum Beispiel schützend vor sein Kind stellen würde oder nicht. Oder ob man für eine Meinung und für politischen Aktivismus stirbt (so, wie z.B. Sophie Scholl während dem Nationalsozialismus) oder ob man seine Handlungen widerruft, dafür aber weiterlebt. Und vielleicht auch noch wichtig dabei: Man sollte nicht zu schnell von Feigheit sprechen, wenn jemand sich in den gerade genannten Beispielen fürs Leben entscheiden würde.

Soviel also zu meinen Ausführungen zur Frage, ob es etwas gibt, wofür du sterben würdest. Wofür wir sterben würden. Wofür ich sterben würde. Diese Frage wirft weitere Fragen auf, wie wir im Text gerade gesehen haben. Und ich denke, man sollte sich die Beantwortung dieser Fragen nicht zu leicht machen und auch nicht zu schnell seine sakrosankten Schlüsse ziehen.

Euch alles Gute und liebe Grüsse von
thoughts on life

Ein Kommentar zu „Gibt es etwas, wofür du sterben würdest?

  1. Ich finde die Frage sehr interessant. Ich denke darüber auch manchmal nach, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen…

    Tatsächlich finde ich aber nicht, dass das Leben zu lassen an sich die Sache ist, die mir am meisten Angst machen würde. Viel beängstigender fände ich dabei die Überlegung, was davor passiert, bzw auf welche Weise man „ins Gras beißen würde“. Direkt Erschießungskommando, davor noch gefoltert werden, oder erst mal Transport ins KZ in einem völlig überfüllten Zug und dann Monate/Jahre der Misshandlung in einem Umfeld völliger Hoffnungslosigkeit, bevor man „endlich sterben darf“ und des Wissens, dass alle Freunde und Verwandte nun wegen mir auch Probleme haben?

    Ich glaube, wenn ich wüsste, dass es im Zweifel schnell geht und es nur mich betrifft, wäre ich sehr viel mutiger, als wenn ich längerfristig planen und auch an meine Mitmenschen denken müsste…

    Beste Grüße!!!

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