Lasst den Menschen um himmelswillen Mensch sein! Einige persönliche Gedanken.

Liebe Leserin, lieber Leser

In diesem Blogartikel geht es um meine Hinterfragung von angelernten religiösen Vorstellungen und von der einen, ultimativen Wahrheit. Und wie ich neue Ansichten und Ideen von anderen Menschen hören möchte.

Ich habe gerade das Buch von Carlos Fraenkel „Mit Platon in Palästina, Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“ gelesen. Fraenkel, selber Atheist, reiste an fünf verschiedene Orte auf der Welt, um dort mit Studierenden und Bürgern, mithilfe der philosophischen Werkzeuge, über dortige aktuelle Probleme zu debattieren. Die Philosophie sollte eine Grundlage für die Debatte bilden. Ausgangspunkt der Diskussion war die Übereinkunft, seine Position mit Argumenten vorzubringen und nicht unhinterfragt einfach aufgrund der Bibel, des Korans oder unreflektierter Überzeugungen. Ziel der Diskussionen war es auch, seine Position möglicherweise als irrig zu verwerfen, wenn es in der Diskussion plausiblere Argumente gab.

Ich finde Fraenkels Ansatz einer „Debattenkultur“ gut und wichtig. Und sein persönliches Engagement dafür, für die Menschen, fürs Aufeinander eingehen und für die aufrichtige Auseinandersetzung mit den persönlichen, gesellschaftlichen oder politischen Fragen, haben mich beeindruckt. Das Buch hat mich dann auch dazu inspiriert, einige persönliche Gedanken mit euch zu teilen.

Diejenigen, die einige meiner früheren Blogeinträge gelesen haben, mögen mitbekommen oder geschlussfolgert haben, dass ich in einem christlichen Elternhaus grossgeworden bin (Meine religiöse Vergangenheit und wie ich diese erlebt habe, Gedanken zu meiner Suche nach einem erfüllten Leben, Gedanken zu meiner Suche nach Freiheit). Dies hat mich im Nachhinein betrachtet mehr geprägt, als ich es mir zugestehen wollte. Ich denke, es hat mit zweierlei zu tun, dass ich diese Wahrheiten, die mir präsentiert wurden, unhinterfragt angenommen habe. Einmal ist es zu einem gewissen Masse menschlich und bequem, etwas einfach aufgetischt zu bekommen und nicht selber danach suchen zu müssen. Zumindest ist das für mich zutreffend. Zum anderen wurde mit dem Weitergeben des Glaubens eben grad implizit (also so, dass etwas ohne es direkt zu benennen mit ausgesagt wird) auch weitergegeben, dass die Bibel die massgebliche Wahrheit bereits enthält und jegliches Beschäftigen mit anderen Ansichten nicht zur Wahrheit führt. Und dass das sogar gefährlich sein und einen vom richtigen Weg abbringen kann.

Erst seit kurzer Zeit, und das mit bald dreiundreissig Jahren, genügt es mir nicht mehr, im christlichen Umfeld zu bleiben, wo ich von Ansichten und Ideen, die andere haben, wenig erfahre. Ich glaube, es ist nicht der einfachere Weg, sich selbst auf die Suche nach Wahrheit und richtigen, respektive plausiblen Ansichten zu machen. Aber ich merke, dass nur schon das selber Suchen, um Anworten auf meine Fragen zu bekommen (oder vielleicht gibts dann halt auch keine eindeutigen Antworten, was für mich nicht per se ein Problem darstellen würde) mich viel glücklicher macht, als einfach unglücklich in bestehenden und angelernten Antworten zu verharren. Vielleicht kann man auch sagen, dass nur schon das Suchen an sich und dieser Prozess einen Sinn in sich hat. Für mich geht es dabei auch gar nicht um das herausfinden der einzig und allein gültigen Wahrheit. Gerade daraus komme ich ja von meiner christlichen Erziehung her. Und wenn man dann einmal die alleinige Wahrheit zu wissen glaubt, dort aufhört mit Denken und darin verharrt, dann wird das Leben echt langweilig. Das kann ich euch versichern. Mir geht es momentan darum, von anderen ihre Ansichten zu hören, wie sie eine Frage sehen und betrachten und offen zu sein. Und eben auch wirklich offen dafür zu sein, dass man jetzt einfach mal was nicht oder nicht eindeutig beantworten kann. Und mir scheint, dass die Gläubigen im Christentum und sicher auch in anderen Religionen einfach davon überzeugt sind, DIE Wahrheit zu besitzen. In einer Diskussion mit ihnen wird man das Gefühl einfach nicht los, dass nicht beide Diskutierenden auf der gleichen Ebene sind. Der Gläubige hat einfach das Ziel, die andere Person von seiner Wahrheit zu überzeugen. Man kann ihm oder ihr nicht einmal grundsätzlich einen Vorwurf dafür machen. Denn wenn ich denke, ich habe die einzige Wahrheit, dann ist es eigentlich logisch, dass meine Aufgabe einzig und allein darin besteht, diese dem oder der anderen weiterzugeben.

Im Christentum, wie ich es erlebt habe, habe ich einfach zu einem grossen Teil wahre Freiheit vermisst. Die Freiheit, einfach sich selbst zu sein. Die Freiheit zu leben. Die Freiheit, jetzt nicht immer grad Gott anbeten zu müssen. Nicht immer Rechenschaft über sein Leben ablegen zu müssen. Nicht immer die gleichen Argumente, immer die gleichen Begründungen zu hören. Und es gibt z.B. auch die Grundannahme, dass man Gott immer dankbar sein sollte. Es dreht sich einfach immer alles um Gott. Gott, Gott und nochmals Gott. Ihn ehren, für ihn singen, für ihn alles machen.

In letzter Zeit lerne ich immer wieder Menschen kennen, mit denen ich freiheitlich sprechen kann und die auch freiheitliche Konzepte haben. Das interessiert mich und ehrlich gesagt fühle ich mich da Gott näher als bei Menschen, wo ich einfach schon weiss, was sie jetzt als nächstes sagen werden. Und mit welchem Argument. Ich persönlich bin gerne mit Menschen zusammen, die Menschen sind und einfach sich als Menschen verhalten. Für die Freiheit sind. Für Emphatie sind. Für gute Freundschaften. Und einfach für das Leben sind. In dieser Atmosphäre fühle ich mich wohl. Auch weil ich dann einfach so angenommen werde, wie ich bin.

Liebe Grüsse und alles Gute von
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