Die Laterne.

Lenya ging durch den Wald. Sie wollte dort nachdenken, verarbeiten und einfach über sich und ihr Leben nachdenken. Was sie wollte, zu was sie da war, wer sie war. Sie wollte darüber nachdenken, wie sie sich ausdrücken konnte, was zu ihr passte, wo sie ihren Platz in dieser Welt finden konnte. Und wie sie sich die Welt, oder besser gesagt, ihre Welt einrichten konnte, damit sie sich wohl fühlte. Sie wollte sich spüren. Wollte mehr über sich wissen. Wollte möglichst nah bei sich sein und möglichst fest sich selbst sein. Aber für das musste sie zuerst einmal wissen, wer sie war. Es war am Eindunkeln. Sie lief langsam durch den Wald, als sie weiter im Wald ein Licht flackern sah. Sie war neugierig und bewegte sich in Richtung des Lichts. Als sie nah genug herangekommen war, um zu sehen, was das Licht war, sah sie, dass es eine Laterne war, gefüllt mit einer Brennflüssigkeit. Niemand sass dort und sie konnte auch im Umkreis niemanden sehen. Sie schaute sich nochmals um und als sie immer noch niemanden und auch keine Gefahr sehen konnte, setzte sie sich zur Lampe. Dann rückte sie noch ein wenig näher und sah eine Karte auf dem Boden neben der Lampe. Sie nahm sie und las: „Gib nicht auf mit deinen Fragen. Denn das Leben hat einen Weg für dich bereit. Du musst wissen, dass es einen Weg genau für dich gibt. Der zu dir passt und wo du Erfüllung findest in dem, was du tust. Es ist etwas in dir, das heraus will. Und wenn es dann herauskommt aus dir, dann wird es Blüten tragen.“

Sie betrachtete die Karte. Vorne war ein Bild abgedruckt von einem Weg in einer sehr schönen, aber auch speziellen Landschaft. Es war ein Weg in einem fernen Land. Die Luft war nicht normale Luft. Klar, man sah es ihr nicht an, dass es spezielle Luft war. Aber sie FÜHLTE, was in der Luft war. Es war eine unglaublich freiheitliche Luft. Die sie vollkommen in dem, wer sie war, bestätigte. Die voll hinter ihr stand. Die aber auch einen neuen Weg versprach. Ja, es lag sprichwörtlich etwas in der Luft. Man kann nicht sagen, es war eine Bestimmung. Aber es war etwas Besonderes, das sie nicht in Worte fassen konnte. Und sie wusste, das war ihr Weg. Einfach ihr Weg. Und er war unglaublich tiefgreifend, speziell und auf sie zugeschnitten. Sie legte den Finger auf den Anfang des Weges auf der Karte und fuhr ihm nach. Er schlängelte sich durch einen Wald, einen herrlichen, besonderen Wald. Dann mündete der Weg in einen Bach, den man zu Fuss durchwaten konnte. Dann stieg der Weg an, hinauf auf einen Gipfel, wo man die Landschaft von oben betrachten konnte. Ging dann weiter und weiter, bis zu einem grossen See. Dann musste man auf ein Boot umsteigen, um weiter zu kommen. Am anderen Ufer war der Weg auf der Karte zu Ende. Sie schaute die Karte nochmals genauer an, ob es irgendeinen Hinweis gab, wer die Karte geschrieben haben könnte und dort hingelegt hatte. Sie fand keinen Hinweis. Die Laterne brannte weiter und sie hing ihren Gedanken nach.

In Gedanken dachte sie daran, wie es wohl gewesen war, als sie im Bauch ihrer Mutter war. Und vorher entstanden war. Wie sich dann ihr Körper formte. Hm, darüber hatte sie sich eigentlich noch nie Gedanken gemacht. War den dabei noch etwas anderes geschehen, als dass bloss ihr Körper und ihre Organe gebildet wurden und ihr Herz anfing zu schlagen? Sie stellte sich vor, dass damals etwas in sie hineingelegt wurde. Und genau dies war es ja, was sie so interessierte. Was das war. Und wie sich dieses Etwas anfühlen würde, wenn sie Zugang dazu finden würde. Und diesen Zugang wollte sie. Wirklich. Und dann weiter fragte sie sich, wie sich dann dieses Etwas entwickeln oder was es bewirken würde, nachdem sie Zugang dazu gefunden hatte und es aus ihr heraus in die Welt gelangte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass das ein Sinn war, nachdem sie suchte. Dieses etwas in ihr zu finden und dann daraus etwas zu machen, so dass es die Welt berührte, sie irgendwie besonderer, spezieller und schöner machte.

Sie überlegte sich, die Karte mitzunehmen, dachte dann jedoch, dass ja nicht ihr Name draufstand und deshalb legte sie die Karte wieder zurück neben die Laterne. Sie setzte sich nochmals hin und betrachtete die Laterne für eine Weile. Dann stand sie auf und machte sich auf den Heimweg. In Gedanken stellte sie sich ihre Welt vor. Ihren Weg, der für sie war. Wo sie sich wohl fühlte und der Sinn machte. Der sich richtig anfühlte und der ihr ihren Platz in dieser Welt gab.

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