Die Stimmen.

Sie sass am Quai. Tränen kullerten ihr über die Wangen. Sie hatte das papierene Taschentuch bald vollgeschneuzt. Sie blickte auf das Wasser hinaus. Auf die Wellen. Dann auf das Schiff. Zum wiederholten Mal. Dort sass er und schaute aufs Wasser. Dann schaute er Richtung Ufer. Zu ihr. So schien es. Er winkte ihr zu. Oder bildete sie sich das bloss ein. Das Schiff fuhr langsam. Aus dem Hafen heraus und Richtung offenes Meer. Sie winkte dem Schiff zu. Also ihm. Sie stand auf und winkte ihm zu. Sie hüpfte und winkte ihm zu. Sie schrie laut seinen Namen. Sie schrie ihn nochmals. Dann schrie sie nur noch. Dann setzte sie sich. Kniete sich dann hin, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte. Sie heulte hemmungslos. Dann wimmerte sie nur noch. Trocknete sich ihre Tränen ab, schneuzte nochmals in ihr Taschentuch, warf es in den Abfalleimer und machte sich daran, den Hafen zu verlassen. Noch einmal blickte sie kurz zurück aufs Wasser, aufs Meer. Das Schiff war nur noch sehr klein zu sehen. Ihn konnte sie nicht mehr erkennen. Er war weg.

Sie ging durch die Stadt. Ging in den Wald. Langsam wurde es Abend. Die Dämmerung brach herein. Im Wald nahm sie Stimmen wahr. Stimmen, die sie verfluchten. Die ihr die Hoffnung nehmen wollten. Die sie bedrängten. Stimmen voller Haas. Ohne Liebe. Eine Stimme sagte jetzt, dass sie gehen solle. Diese Welt verlassen. Sich das Leben nehmen. Genau hier. Hier und jetzt. Eine zweite Stimme kam dazu, die sie aufforderte, alle Leute, die sie kannte, zu verfluchen. Eine dritte Stimme kam hinzu, setzte sich in ihr Gedächtnis und verwirrte ihr Denken, bis sie nicht mehr klar denken konnte. Die vierte Stimme kam von weit oben, kam immer weiter herab, dann umkurvte sie sie. Nahm sie in den Arm und flüsterte ihr, dass noch nie eine so hässliche Person auf der Welt gelebt hätte. Eine so erbärmliche Person. Eine richtige Fehlgeburt. Sie sei hier auf der Welt gewesen, um zu zeigen, wie unbedeutend und klein man sein könne. Aber jetzt sei ihre Zeit abgelaufen. Ein Mächtiger sei im Anflug, um sie ein letztes Mal zu quälen, bevor sie dann für immer gehen würde.

Ein Donnern war von weit her zu hören. Ein markerschütterndes Gelächter. Der Dämon flog hoch, dann tiefer, dann tauchte er in den Wald ein, riss ein paar Äste mit sich, verfluchte den Baum, den er gestreift hatte, kreiste tiefer und tiefer. Dann war er bei ihr. Er landete genau neben ihr. Sie sass auf einem Stein, ihr Gesicht in ihren Händen verborgen. Er riss sie an den Haaren, riss sie hoch und höhnte sie aus. Sorgfältig wählte er seine Worte. Er holte alle ihre innerlichen Verletzungen hervor, die sie im Laufe ihres Lebens erlitten hatte. Genüsslich und rücksichtslos, eine nach der anderen. Dann legte er seinen Finger brutal in die Wunden. Tiefer und tiefer. Dabei tat er ihr so weh, dass sie laut aufschrie und sich vor Schmerzen krümmte. Ihre Seele nahm er in seine Hand, schürfte sie auf, und goss eine brennende Flüssigkeit darüber. Als sie vor Schmerzen taub wurde, rüttelte er sie wieder auf. So dass sie die Schmerzen aktiv wahrnehmen musste. Ohne innezuhalten sprach er dann zu ihr. Jetzt solle sie es tun. Er würde dastehen und ihr dabei zuschauen, wie sie es tat. Wie sie sich umbrachte. Er legte ihr ein grosses, scharfes Messer in die Hand und bedeutete ihr, sich jetzt die Kehle durchzuschneiden. Er flüsterte ihr dabei ins Ohr, wie sie versagt hätte in ihrem ganzen Leben. Sie nichts auf die Reihe gebracht hätte. Alle von ihr weggelaufen wären. Zu Recht. Denn so unliebenswürdig wie sie wäre, sei das mehr als einleuchtend gewesen. Sie wäre jetzt ganz verlassen. Von allen. Verloren. Für immer. Das sei ihr Ende.

Sie fühlte den Griff des Messers in ihrer Hand. Hoffnungslosigkeit fühlte ihre Gedanken. Abgelehntsein erfüllte sie. Tiefe Verlorenheit. Sie spürte, wie der Lebensodem langsam aus ihr entwich. Dann packte sie das Messer fester. Dachte nochmals kurz nach. Entschied sich dann, es zu tun. Führte das Messer nahe an ihren Hals, dann legte sie es sich an die Kehle und setzte an zum Schnitt.

In dem Augenblick, wo sie schneiden wollte, kam ein Gedanke. Sanft und liebevoll. Klar und bestimmt. Der Gedanke, dass ihr Leben sinnvoll war. Dass sie der Welt so viel zu geben hatte. Dass sie so viel Inspiration in die Welt hineingeben konnte. Dass sie geliebt wurde. Ja, sie wusste es. Sie wurde geliebt. Das Gefühl, geliebt zu werden, das fand sie schon immer eines der schönsten Gefühle. Dann kam das Gefühl des Angenommenseins. Das Gefühl von Loslassen. Das Gefühl von Geborgenheit. Und das Gefühl, dass sie genau so richtig war, wie sie war. Die guten Gefühle und Gedanken bewogen sie, zu versuchen, sich zu spüren. Sich selbst zu fühlen. Sich wahrzunehmen. Sich selbst zu erleben. Sie wollte spüren, fühlen, wahrnehmen und erfahren, wie sie war. Wer sie war.

Sie hörte das Zirpen einer Grille. Dann von mehreren. Dann war es eine ganzer Chor, der in den Abend hinein zirpte. Auf den Feldern vor dem Wald zirpten sie. Unbewegt von dem, was sie gerade durchgemacht hatte. Die Vögel waren ihr Abendlied am Singen. So, wie jeden Abend, wo sie den Tag verabschiedeten. Das war ihr Ritual. Unbekümmert von den bösen Stimmen und dem mächtigen Dämon, der sie bedrängt hatte. Fast in den Tod getrieben hatte. Es raschelte. Ein Tier lief nahe an ihr vorbei. Wohl erschreckt, machte es sich schnell davon. Vielleicht war es ein Fuchs gewesen? Ein bisschen weiter weg sah sie ein Eichhörnchen, das auf dem Waldboden lief, dann schnell einen Baumstamm anvisierte und geschwind emporkletterte.

Die bösen Stimmen rückten in den Hintergrund. Wie ein tiefer, brummliger Männerchor hielten sie sich im Hintergrund auf. Sie hatte das Messer fallen lassen. Es lag jetzt auf dem Boden. Unbenutzt. Der mächtige Dämon, die grösste und grausamste Stimme, sah kurz auf sie, dann auf das Messer, dann wieder auf sie. Dann schrumpfte er zusammen. Es zog in richtig zusammen. Langsam, dann schneller, dann sehr schnell. Und dann war er mit einem Ruck auf eine handgrosse Blase eingegangen. Es gab einen dumpfen Knall, dann ein zischen. Er hatte sich aufgelöst. Ein übler Geruch stieg ihr in die Nase, der sich langsam verzog. Mit dem Geruch verzogen sich auch die Stimmen, die leiser und leiser wurden und dann ganz unhörbar wurden und verschwanden.

Sie setzte sich etwas weiter weg auf einen mit weichem Moos bedeckten Wurzelstock. Nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu meditieren. So hätte sie es nicht genannt. Aber die guten Gedanken und Gefühle, die ihr das Leben gerettet hatten, waren ihr die Anleitung für diese Meditation gewesen. Sie konnte sich wirklich wahrnehmen, loslassen, sich spüren, Gedanken der Hoffnung fassen, wissen, dass sie auf dieser Erde richtig war, dass SIE richtig war. Sie nahm neue, inspirierende Gedanken wahr, nahm Sinn wahr, nahm Liebe war, nahm ihre Seele wahr, um die sie sich gut kümmern wollte. Dann stand sie auf, atmete die frische Abendluft ein, lief langsam los, aus dem Wald und durch die Stadt und nochmals zum Hafen.

Sie ging zum Quai. Das Wasser war jetzt dunkel geworden. Es ging ein kühler Wind. Sie atmete tief durch, blickte aufs Wasser, hinaus aufs Meer. Dann nahm sie eine Münze aus ihrem Portemonnaie, küsste sie und warf sie ins Wasser. Ihr Blick blieb noch einige Zeit aufs Meer gerichtet. Sie dachte an ihn. Dann sagte sie laut seinen Namen, rief „Auf Wiedersehen“ und „Machs gut“ in Richtung Meer. Dann drehte sie sich um und verliess den Quai und den Hafen.

 

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