Leonie und Lars

Sie sassen beieinander. Leonie und Lars. Vor dem Haus am Strand sassen sie auf zwei Stühlen. Leonie in ihrem Kapuzenpulli. Schuhe hatte sie keine an. Dafür ihre bequeme Pluderhose. Ja, sie war rosarot, obwohl Leonie eigentlich nichts davon hielt, jetzt extra typische Mädchenkleidung zu tragen. Aber Leonie war ja auch kein Mädchen mehr. Sie war 18, und dabei, sich zu entdecken, die Welt zu entdecken. Also so richtig. In der Schule bisher wars ja nur so ein oberflächliches Entdecken gewesen. Wer man war, was man wollte. Ja, was man eigentlich wirklich wollte. Und was nicht. Jetzt schaute sie hinüber zu Lars. Lars hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und streichelte sie dann an ihrem Rücken. Lars war 24. Er trug eine feine, dünne Jacke. Dazu bequeme Freizeitschuhe. Eine kurze Hose und einen leichten Schal. Er blickte hinauf zu den Sternen. Ein leichter Windstoss blies sanft über die beiden Sitzenden. Auch Leonie schaute hinauf zum Himmel. Betrachtete den Sternenhimmel, den Mond, dann die einzelnen Sterne. Ergriffen von dieser Schönheit und dem Gefühl, das es bei ihr auslöste, gab sie Lars einen spontanen Kuss auf die Wange. Er drückte sie an sich. Beim nächsten sanften Windstoss erhoben sich die beiden. Es war 23 Uhr. Die Luft immer noch frisch. Ab und zu ein kleiner Windstoss. Es war kühler geworden, aber die beiden fühlten sich wohl. Jetzt betrachteten beide die Sterne. Leonie nahm die Hand von Lars und führte sie nach oben. Zeigte auf einen Stern, der ihr besonders aufgefallen war. Dieser Stern funkelte. Er schien neugierig um sich herumzublicken. Er schien heiter und nachdenklich gleichzeitig. Lustig und tiefgehend. Glücklich und ernüchtert. Ganz bei sich und weit weg vom eigenen Selbst. Dann nahm Lars Leonies Hand und führte sie zu seinem Stern. Er war etwas abseits der anderen Sterne, dafür nahe beim Mond. Der Stern schien den Mond zu begrüssen, funkelte ihn an und schien dann wieder in die andere Richtung zu schauen. Zu ihnen herab. So schien es. Er lächelte kurz, schien etwas zu denken, nickte, wurde ernst, lachte, dann schien er traurig, dann glücklich, dann fröhlich, dann starrte er für einen Augenblick anscheindend nur ins Leere. Dann schaute er nochmals kurz zum Mond, wieder zu ihnen, um dann wieder mit sich beschäftigt zu sein und seinen Platz am Himmel einzunehmen. Einige Zeit betrachteten beide noch den Sternenhimmel, dann nochmals kurz den Mond. Dann rannte Lars los. Runter zum Meer. Kurz vor dem Wasser riss er sich die Kleider vom Leib, zog die Schuhe aus und stürzte sich ins Meer. Leonie war bei den zwei Stühlen geblieben. Jetzt schaute sie nochmals kurz in den Sternenhimmel. Zu ihrem Stern. Dann wanderte ihr Blick hinüber zum Stern von Lars. Sie schaute ihn kurz an, nickte dann, lächelte, runzelte ihre Stirn, und entschied sich dann, auch ins Wasser zu gehen. Sie zog sich schnell ihre Kleider aus und rannte dem Wasser entgegen. Schaute kurz, wo Lars war. Er wartete im hüfthochen Wasser auf sie. Sie watete ins Wasser zu Lars. Sie betrachteten sich kurz, nickten einander zu, lachten, dann lachten sie laut, dann sehr laut und dann stiessen sie einen Jauchzer aus. Dann umarmten sie sich. Lars gab ihr einen Kuss auf die Wange, dann küsste Leonie ihn zurück, dann wieder er, dann sie. Dann er. Dann wieder sie. Lars drückte Leonie fester an sich. Dann küssten sie sich zum ersten Mal auf den Mund. Lange und intensiv. Zuerst auf die Lippen, dann tiefer und dann mit den Zungen. Sie fanden es recht lustig, aber dann auch sehr schön und tiefgehend. Sie nahmen sich Zeit dafür. Dann gingen sie weiter in Meer hinaus, schwammen ein bisschen hinaus und dann wieder zurück. Wateten dem Strand entgegen, gingen aus dem Wasser und legten sich rücklings in den Sand. Sie blickten in den Sternenhimmel. Die Sterne schienen sie nicht zu beachten. Schon gar nicht zu beobachten. Ja, die Sterne. Die meisten von ihnen hatten ihren Platz am Himmel gefunden, glitzerten, funkelten und machten ihre Aufgabe. Nacht für Nacht. Und waren damit zufrieden. Ja, was brauchte es denn mehr. Und der Mond. Der schien auf sie aufzupassen. Aus seine Schäfchen. Nur zwei Sterne, die schienen noch nicht ganz zur Ruhe gekommen zu sein. Leonie meinte, beobachtet zu haben, wie ihr Stern kurz geblinzelt hätte. Dann geseufzt hätte. Dann tief eingeatmet und dann doch noch gelächelt hätte. Dann schien er wieder mit sich selbst beschäftigt gewesen zu sein. Lars sagte, dass sein Stern nochmals kurz zum Stern von Leonie hinübergeschaut hätte. Aus dem kurz wäre länger geworden, und dann hätte der Stern gemeint, beobachtet zu haben, dass Leonies Stern ihm, Lars‘ Stern, zugefunkelt hätte. Dann hätte Lars‘ Stern sich schnell abgewandt, noch kurz mal gefunkelt und dann wäre er wieder in einigen von seinen Gedanken versunken. Es war 00.30 Uhr geworden. Leonie und Lars schauten sich kurz an. Dann meinte Lars, er würde kurz die grosse Decke holen, die sich im Haus befand. Leonie wartete unterdessen am Strand, bis Lars mit der Decke zurückkam. Beide schauten nochmals kurz zu ihren beiden Sternen hinauf, dann küssten sie sich, nahmen die Decke, legten sich auf den Sand, kuschelten sich ein, legten sich ganz nahe zueinander und schliefen dann ein. Die beiden Sterne am Himmel schienen kurz aus ihren Gedanken aufzuwachen, funkelten sich kurz zu, schauten zum Mond, der jedoch ganz bedächtig blieb. Es machte den Eindruck, dass sie dann Richtung Erde zum Strand schauten, dann zum Haus am Strand und schliesslich zu den beiden Schlafenden am Strand, die auf dem Sand lagen, eingehüllt in die grosse Decke und aneinander gekuschelt eingeschlafen waren. Dann versanken die zwei Sterne wieder in ihren eigenen Gedanken.

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